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Billy
Idol
Botox fürs alternde Gemüt
© AP
Die Lippen bekommt er noch hoch: William
Michael Albert Broad alias Billy
Idol
Der Mann hier links wird bald 50. Er
hat Kinder, trinkt Tee und liest gern.
Zuweilen aber sieht er anderen beim Blowjob
zu. Was zeigt: Ein bisschen Punk ist Billy
Idol geblieben.
Musik macht er auch wieder. Und wie!
Neulich, behauptet Billy
Idol, habe er
beobachtet, wie eine Frau einem besonders
dicken Mann einen Blowjob gab. Sie habe diese
gigantische Wampe stemmen müssen, um überhaupt
an die betreffende Stelle zu kommen, und da
habe er sich gesagt, na, auch wieder ein
Grund, um dünn und fit zu bleiben, nicht nur,
weil er mit seinen bald fünfzig Jahren wieder
auf vielen Bühnen rumhampeln muss.
William Michael Albert Broad, Anfang der
Achtziger als schockblonder Punker Billy
Idol weltberühmt
geworden und seitdem mehrere Male für
erledigt befunden, sieht nicht aus wie ein
Mann in seinen besten Jahren, auch wenn er die
vermutlich gerade erlebt. Er ist schmalhüftig
wie ein Rumbatänzer, mit sehnigen Armen und
einem Torso frei von Wohlstandsspeck; das Haar
hell gefärbt und stachelig wie einst -
gottlob ist es noch da, was wäre ein Punker
mit Geheimratsecken, fast so schlimm wie einer
mit Wampe. Hübsch war Billy
schon immer, der Posterboy der Straßenrebellen,
mit hellen, weit auseinander stehenden Augen
und einem gewinnenden Kleine-Jungs-Kichern, in
das er heute noch ausbricht, he-he-he, dann
verraten nur ein paar Lachfalten, dass er längst
kein Junge mehr ist.
Der gebürtige Brite, der Anfang der 80er
Jahre nach New York zog und sich seit 1987
unter der milden Sonne Kaliforniens
konserviert, erlebt derzeit ein Comeback, das
nur auf den ersten Blick verwunderlich ist.
Denn während die meisten Leute Punker nur
noch für diese kurios frisierten Teenager aus
der Fußgängerzone halten, haben Bands wie
Franz Ferdinand die gute alte Rotz-Musik längst
für junge Fans aktualisiert und das Schnelle
und Laute zurück in die Hitparaden gebracht.
Und die Anhänger von Billy
Idol, sie haben bloß
darauf gewartet, dass die große Retro-Mühle
sich endlich ihrer Frühzeit annimmt. Rebel
Yell! Dancing With Myself! Flesh For Fantasy!
Wie junge Wölfe haben sie damals geheult, in
the midnight hour, she cried more-more-more
... Heute gehen sie gegen zehn ins Bett, nix
more-more-more, nix Rebellion und Exzess, eher
erste Gicht und Relaxen bei Gottschalk.
Billy, blond und
rank wie damals, bringt dem Mittelalter die
Jugend zurück, die Aufsässigkeit, Spaß ohne
Rücksicht, den Charme des gestreckten
Mittelfingers. Seine neue Platte zu kaufen -
die jetzt, nach zwölf (!) Jahren Pause
erscheint - ist wie Botox fürs alternde Gemüt.
© Sanctuary
"Devil's Playground", das neue
Album von Billy
Idol
Den Exzess nicht abzuspielen, sondern zu
erleben, ist freilich etwas aufreibender.
Einmal ist Billy Idol
fast an einer Überdosis gestorben, ein
andermal ignorierte er in Hollywood auf seinem
Motorrad ein Stoppschild (in der festen Überzeugung,
dass Verkehrschilder bürgerlich sind); die
Wucht des Zusammenpralls mit einem Auto
schleuderte ihn aufs Pflaster, riss den
rechten Oberschenkelknochen aus seinem
Fleisch, machte ihn sekundenlang bewusstlos.
Als er noch in London lebte, hieß seine
Lieblingsdroge Bier, er trank mit den Jungs
seiner Band Generation X, mit den Sex Pistols,
mit The Clash. In New York fing er Anfang der
Achtziger mit Kokain an; am Ende der Dekade,
sagt er, "hatte ich mir so viel von dem
Zeug reingezogen, dass ich nicht mehr wusste,
wo rechts und links ist. Manchmal habe ich
drei Wochen lang Crack genommen und kein Auge
zugetan". Die "New York Times"
veröffentlichte, nur mäßig übertrieben,
seine Todesanzeige, sagt er und stößt sein
Jungenmeckern aus, he-he-he.
Der Motorradunfall 1990 und der
Beinahe-Drogentod 1994 brachten ihn zur
Besinnung. Er wusste jetzt, dass er sein Leben
ändern musste. Sein letztes Album,
"Cyberpunk", hatte sich 1993 ohnehin
nicht besonders verkauft, seine Plattenfirma
drängte ihn, endlich mal nette Popsongs
aufzunehmen. Er stand kurz davor, zu seiner
eigenen Parodie zu werden - der gefällige Bürgerschreck
mit dem schiefen Elvis-Grinsen, von dem man
bis heute nicht weiß, ob es Ironie
signalisiert oder trotzige Weltverachtung.
Idol zog sich zurück.
Zwei Kinder hatte er gezeugt, mit zwei Frauen:
Willem ist heute 16, seine Halbschwester
Bonnie ein Jahr jünger. Es tat gut, sagt Billy,
mal eine Weile nichts Aufregenderes zu machen,
als seinen Sohn von der Schule abzuholen, mit
ihm auf Sportplätzen herumzuhängen und bei
Baseballspielen die Nationalhymne zu singen.
Mit keiner der beiden Mütter ist Billy
heute mehr zusammen. Er lebt als Single in den
Hügeln von Hollywood, hat aber engen Kontakt
zu seinem Sohn, der Musiker werden will.
"Ich zwinge ihn zu nichts, eines Tages
hasst du die Leute, die dich gezwungen
haben", sagt er. Und fügt verlegen
hinzu, dass es ohnehin schwer für ihn sei,
dem Jungen "etwas zu vorzuschreiben. Ich
bin ja nicht gerade ein Vorbild".
Nach einem misslungenen Comeback-Versuch als
Schauspieler brachte Idol
2001 seine "Greatest Hits" heraus
und hoffte, so um die 100000 Stück
loszuwerden, an seine härtesten Fans. Bis
heute verkaufte sich das Album beinahe eine
Million Mal. Allmählich war es also wieder an
der Zeit, den Rebellen rauszulassen. Seine
neue Platte "Devil's Playground"
klingt, als wäre ein Monster über uns
gekommen und hätte einfach zwanzig Jahre
aufgefressen: ein Zoom zurück in die Zeit, wo
nach harten Nächten noch keine Kopfschmerzen
klopften und einem ganz viele Dinge ganz
wunderbar scheißegal waren.
Im November wird Mr. Broad fünfzig. Er
bekennt sich zum Teetrinken und gepflegten
Kiffen, und nur ab und zu, sagt er, feiere er
ein bisschen deftiger. Statt Koks zieht er
sich jetzt Geschichtsbücher rein, und wenn er
"Fuck you" sagt, meint er nicht mehr
die ganze Welt, nur die Idioten. Punker müssen
nicht leiser werden mit dem Alter. Aber
weiser, siehe Billy
Idol, tut ganz gut.
Christine Kruttschnitt
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