|
Konzert-Bericht
Zenith,
München 04.12.2005
"Does he still have the magic?"
Diese Frage stellt Billy
Idol sich und uns gleich am Anfang seiner
gloriosen Comeback-Scheibe Devil's Playground,
im sinnig betitelten Song "Super
Overdrive". "Round and round we go,
one more time before I die", er will's
nochmal wissen. Im Studio war die Frage ja
eindeutig geklärt, und so schiebt er die
Antwort im Song denn auch gleich hinterher:
"Yes, he does!" Die Scheibe gehört
immerhin klar zu den Rock-Highlights 2005. Aber
gilt das auch live? Kann William Broad, der
gerade 50 geworden ist, und von dem man 15 Jahre
lang nichts sah und hörte außer ein paar raren
Auftritten und Filmsynchronisationen, sein Bühnen-Alter
Ego überzeugend auferstehen lassen und einmal
mehr als trotziger Punker Billy
Idol über die Bretter fegen? Immerhin
war das eine der größten Ikonen der 80er -
kaum einer sprach in dieser Zeit mit rockigen Tönen
eine so breite Gemeinde an. Die Zeichen stehen
nicht schlecht - auf der Karte steht ja verheißungsvoll
zu lesen: "An Evening With Billy
Idol - Featuring Steve Stevens On
Guitar". Das kann nicht schlecht sein,
oder? Und, vielleicht die wichtigste Frage, die
wir uns an diesem Abend im Münchner Zenith
stellen: klappt die Sache mit der Oberlippe
noch, die ein Leben unabhängig vom Gesicht zu führen
scheint?
Antworten auf all diese bangen Fragen suchen
wohl um die 5000, aber die Zusammensetzung
dieses Publikums ist doch etwas verstörend: die
Kids erreicht Billy wohl nicht, hier stehen in
erster Linie gestandene Antenne-Bayern-Hörer, für
die Bon Jovi wohl der härteste Hund unter der
Sonne ist. "Kannst Du bitte mal einen
Schritt zur Seite gehen, damit ich was
sehe?" fragt mich eine Dame, die bei Peter
Maffay wohl besser aufgehoben wäre. Ich stelle
zu bedenken, dass bei einem Rock-Konzert die
Menge wohl kaum zwei Stunden angewurzelt stehen
bleibt. Die Dame ist anderer Meinung. Nach fünf
Minuten ist sie allerdings weggeschwemmt. Nächstes
Mal Maffay mit Sitzplatz, ok?
Ein Abend mit Billy Idol
- das heißt auch: keine lästige Vorgruppe! Das
macht schon mal Laune. Denn wie im Zenith üblich,
marschieren die Gladiatoren über einen Laufsteg
rechts oben Richtung Bühne, und da sieht man
zunächst den Schopf von Steve Stevens und dann
diese unverwechselbare, blonde Brikett-Frisur.
Er ist da. Hurra! Dann wird's dunkel, und er röhrt
von hinter der Bühne: "Munich, can you
hear me? In the devil's playground with an idol
mind..." Dann ballern sie los, Steve links
vorne, die Band im Hintergrund, und dann kommt
er, der Meister himself, und fragt uns alle:
"Does he still have the magic?"
Freunde, daran kann es auch nicht den geringsten
Zweifel geben. Denn hier gibt es genau zwei
Unverschämtheiten, eine größer als die
andere. Nr. 1: überhaupt einmal so gut
ausgesehen zu haben. Nr. 2: auch im Jahr 2005
noch so verdammt frisch und vergnügt zu wirken.
Und immer noch so verteufelt gut auszusehen. Das
wird vor allem beim zweiten Song klar -
"Dancing With Myself." On the floors
of Tokyo - Mann, das haben wir doch schon gehört,
als wir noch nicht mal Moped fahren durften! Und
es klingt besser als je. Billy ist stimmlich auf
der Höhe, sein Timbre ist voll und
andeutungsreich wie immer. Der Sound ist ganz
auf ihn zugeschnitten, die Gitarre von Held
Steve vielleicht etwas zu sehr im Hintergrund,
aber das ist völlig egal: das ist Billys Abend.
Gut so! Aber warum, liebe Antenne-Hörer um mich
her, mischt ihr nicht mehr mit? Das ist hier
nicht der Musikantenstadel! Der Mann haut massiv
drauf, erinnert in seiner launigen, fast spitzbübischen
Art öfter mal an den Ärzte-Fronter Farin
Urlaub, seines Zeichens ja auch ewiger
Jugendlicher. Jetzt spricht er zu uns:
"Hello Munich! Tonight we are going to
bring you some old songs, some new songs, some
borrowed songs - and some very blue
songs..." Das kapiert im Publikum wieder
keiner (keiner verheiratet? was Altes, was
Neues, was Geborgtes, was Blaues??), aber Billy
taucht die Bühne im blaues Licht und lässt
unverzagt einen seiner größten Reißer vom
Stapel: "There's a change of pace..."
Es dauert nur noch ein paar Sekunden, dann steht
er da, schmeißt einen muskulösen Arm hoch und
röhrt: "Flesh!!" Mann, dass ich das
noch erleben darf. Das sind die Bilder, die wir
uns aus der Bravo ausgeschnipselt haben, und
jetzt ist er hier direkt bei uns. "Flesh
For Fantasy!" geht's weiter. Beim
Gitarrenpart schmeißt sich Steve erstmals in
Pose und haut dreschflegelig in die Saiten. Und
jetzt muss man mal kurz innehalten: da ist der
Typ, der das Hauptthema von Top Gun gespielt hat
(ihr wisst schon, die Szene in der Maverick die
Hundemarke von Goose ins Meer schmeißt. Goose
hat dann übrigens als Arzt im ER angefangen).
Das war 1986, da war Billy
Idol schon fast wieder weg vom Fenster.
Das war ungefähr zu der Zeit, als Mötley Crüe
die größten Erfolge hatten. Und jetzt
vergleiche man mal diese faltigen Hackfressen,
die da in diesem Jahr bei Rock am Ring eine
Rentner-Show lieferten, mit diesem Gitarrenheld:
an dem sind die Jahre vorbeigegangen wie nix.
Irre.
Weiter geht's mit einem Stück vom neuen
Album, "Body Snatcher", aber im
Publikum kennt das keine Sau. Schade. Dann
wieder eine dieser Ansagen, die vom Geiste des
hervorragenden Auftritts bei VH1 Storytellers
zeugt: "We're going into a time capsule
now, back to 1981. In New York City, in the
Danceteria, you could have seen me, listening to
this..." Zu was? "Hey little sister,
what have you done." Es ist schon
frappierend, wie zeitlos dieses Material ist.
Das klingt in keiner Sekunde angestaubt, nie out
of date. Das ist immer aktuell - "it's a
nice day to start again." Stimmt, Billy.
Danke dafür, in dieser Zeit der
Drecks-Plastik-Musik und Retortenbands, danke
dass du wieder bei uns bist.
Dann kommt der Kracher vom neuen Album,
"Scream", und hier ist die Gitarre
jetzt wirklich zu leise. Aber das ist egal, es
rauscht eh über die Leute hinweg, die haben
keine Ahnung was hier abläuft. Wichtig dennoch:
denn jetzt reißt sich Billy das Hemd vom Oberkörper.
Brad Pitt in Troja ist ein Scheiß dagegen. Mehr
sog i ned. Dann ist wieder Klassiker-Alarm: ein
akustisches Gitarren-Into, eine swingende
Bass-Linie, es gibt "Eyes Without A
Face". Die Frauenstimme übernimmt überzeugend
der Basser und zwitschert "Les Yeux Sans
Visage" im Refreng. Hinreißend. Jetzt
schmeißt sich Billy selbst die Akustische über
und parliert wieder locker als Geschichtenerzähler.
In den USA habe er mal ein Schloss besichtigt,
das sich ein Einwanderer aus Osteuropa gebaut
hatte, das Coal Castle. Auf die Frage, für wen
er das denn alles gemacht habe, antwortete der
mysteriös: "I did it all for my sweet
sixteen." Ah, jetzt haben wir das also auch
verstanden. Er bringt es wunderbar, etwas anders
als auf Platte gesungen, aber absolut überzeugend.
So muss das sein. Dieses Stück eröffnet einen
bunten Rock'n'Roll-Reigen, bei dem Billy mit der
Gitarre über den Rücken geschlungen eine
punkige Variante von Elvis oder Bruce
Springsteen mimt: "Too Tired To Rock",
dann "To Be A Lover", die
Rockabilly-Nummer, mit der er damals seinen
kommerziellen Niedergang einläutete, dann
spielt er uns ein wenig "Oh happy day"
und sinniert darüber, wie weit man doch mit
geklauten Melodien kommen kann. Danach gibt er
den Entertainer: nur mit Keyboard begleitet,
singt er das Traditional "Louisiana",
textlich allerdings in eine bitterböse
Abrechnung mit der Bush-Strategie des
Ignorierens während der Flutkatastrope in New
Orleans gedreht. Den Text hat er erst kürzlich
geschrieben, sagt er, deshalb liest er vom
Zettel ab. Bestens.
Dann darf Steve Stevens endlich von der Leine,
aber anstelle eines nervigen Skalen-Gedudels,
das zu befürchten wäre, liefert er etwas
anderes: ein akustisches Mariachi-Solo, bei dem
Antonio Banderas selbst um die Ecke zu schielen
scheint. Das ist wirklich atemberaubend. Hut ab.
Jetzt bringen sie mit "Rat Race" einen
der besten Songs von Devil's Playground, und
nach "LA Woman" feuert Steve uns das
trockene Riff von "Blue Highway"
derart um die Ohren, dass es eine Freude ist.
Und nach dem fetzigen "World Comin'
Down" kommt sogar die Vorvergangenheit zu
Ehren: "Ready Steady Go" kündet von
Billys ruhmreichen Tagen als Fronter der Punker
Generation X. Spätestens jetzt ist das Publikum
restlos überfordert - deshalb folgt zum Glück
für die Antenne-Freunde endlich der "Rebel
Yell". Und wieder ist es unglaublich, wie
unverbraucht dieser Song daherkommt, den wir ja
wirklich mausetot gehört haben, damals auf den
ganzen Partys. Aber wenn Billy uns hier und
heute auffordert, mit ihm "More More
More" zu schreien, da machen wir nur allzu
gerne mit. Dann ist erst mal aus, aber natürlich
gibt es noch einen Nachschlag.
Der besteht zunächst mal in "Hot In The
City", aus dem Idol kurzerhand "Hot In
Munich" macht - passt doch. Dann
(especially for me?), der Jahreszeit angemessen,
das lustige "Yelling At The X-Mas
Tree", das jeder lieben muss, der jemals in
England Weihnachten gefeiert hat (Sauferei mit
Pappkrone auf dem Kopf). Dann sein
Lieblings-Song von Generation X, "Kiss Me
Deadly", bevor er mit "Mony Mony"
ein gigantisches Abschiedsfeuerwerk zündet. Da
stehen sie dann da zum Schluss, insgesamt fünf
Gitarren, und machen die Saitenhelden. Das fasst
eigentlich die ganze Stimmung des Abends
zusammen. Die Feuilletons der SZ und der FAZ
werden in den folgenden Tagen wieder über das
80er-Revival philosophieren, über die Sehnsucht
der ewig Gestrigen nach der Vergangenheit
sinnieren und sich dabei an klugen Sprüchen
gegenseitig überbieten. Und damit wieder einmal
zeigen, dass sie den Rock'n'Roll einfach nicht
kapieren (das anwesende Publikum übrigens auch
nicht). Hier ist ein Entertainer, der mir nix
dir nix mehr als 20 Jahre alte Stücke spielt,
die wirken, als ob sie gestern geschrieben wären.
Das funktioniert, weil das keine Moden sind,
keine gepushten Hypes, sondern - wie auch
Devil's Playground - einfach das, was die Jungs
gern machen. Ehrliche, handgemachte Mucke ohne
Firlefanz, die ordentlich in den Hintern tritt.
Dass hier ein begeisterter und begeisternder
Rocker am Werk ist, merkt man auch daran, dass
er so ziemlich alles, was auf die Bühne
geschleudert wird, geduldig signiert - CDs, LPs,
Jacken (!) - Billy schnappt sich einen Stift,
spurtet zum Drumkit, das er als Auflage benutzt,
und gibt während des Auftritts Autogramme. Und
dabei singt er, natürlich, immer weiter. Und
genau darum, wegen dieser Hemdsärmeligkeit und
dieser Ungekünsteltheit, sind die alten Recken,
sei es im Metal oder im Rock, gottlob endlich
wieder gefragt. Jeder, der diese Show gesehen
hat, wird das unterschreiben. Does he still have
the magic? Yes, he fucking does!
Holgi
|