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Kein Gramm Fett, nirgends
Im Konzert auf dem
Bonner Museumsplatz ist Billy Idol immer noch
der künstlich erblondete Punk von
Shakespearscher Theatralik
Von Dietmar Kanthak
Bonn.
"Super Overdrive", "Scream",
"Body Snatcher" und "Evil
Eye" - Stücke wie diese vom neuen Album
"Devil's Playground" signalisieren,
dass Billy Idol älter, aber nicht milder
geworden ist.
51 wird der ewige Punk mit dem höhnischen
Grinsen im November, nach mehr als zehn Jahren
kreativer Pause hat er endlich wieder eine neue
Platte aufgenommen - und zwar mit dem
Gitarristen Steve Stevens. Im Konzert auf dem
Museumsplatz war Idol wieder (oder immer noch)
der künstlich erblondete "Punk von
Shakespearscher Theatralik", wie ihn ein
Kritiker einmal genannt hat.
Wie ein obszöner Elvis grimassierte er
gutgelaunt ins Publikum, reckte die Faust in die
Höhe und zeigte als Höhepunkt einer dezenten
Strip-Show - erst der Bauch, dann der schweißnasse
Oberkörper -, dass der Idol-Body nichts an
Spannkraft eingebüßt hat. Kein Gramm Fett,
nirgends.
Seinen Auftritt eröffneten Idol und Band mit
"Super Overdrive", da arbeitete der
Motor sofort auf Hochtouren. Idol ließ keine
Gelegenheit aus, seinen einflussreichen Ex-Kollegen
Stevens zu loben, mit dem er in den achtziger
Jahren Popgeschichte geschrieben hat.
Steve Stevens und Stephen McGrath (Bass) und
Brian Tichy (Schlagzeug) legten in rhythmischer
Präzisionsarbeit ein explosives
Sound-Fundament. Früher einmal waren Punk und
Professionalität gewollte Gegensätze - Billy
Idols Musiker spannen sie auf produktive Weise
zusammen.
Der finster gewandete Stevens zeigte, dass er
den von Pete Townshend perfektionierten Windmühlenanschlag
beherrscht. In einem Solo-Intermezzo bewies er
überdies, dass er in jeder Flamenco-Truppe die
erste Gitarre spielen könnte. Der Song
"Flesh For Fantasy" mit seinem
insistierenden, ja hypnotisierenden Riff
erschien in alter (Geburtsjahr: 1984) und
gleichzeit ganz gegenwärtiger Schönheit: der
ideale Popsong.
Idols Grollstimme, die sich immer wie aus einem
gruftigen Abgrund erhebt, besitzt die Power, um
wie Jerry Lee Lewis loszurocken, und den
Sex-Appeal, um eine Nummer wie "To Be A
Lover" zu beglaubigen. Fulminante
Energieschübe waren auf der Bühne zu erleben,
der Drummer Brian Tichy wollte sein Instrument
scheinbar umbringen.
Aber Billy Idol hat ja immer auch Sinn für
Humor und blies dem totgenudelten Sommerhit
"In The Summertime" neues Leben ein.
"Eyes Without A Face" und "Hot In
The City" entfalteten, von akustischen
Gitarren begleitet, morbide Faszination
respektive schnulzig vibrierende Magie.
Billy Idol suchte, private Abstürze inklusive,
immer einen Platz in der ersten Reihe des
Rock'n'Roll-Establishments. Einem wie Jim
Morrison fühlt er sich besonders verbunden. Den
Doors-Song "L. A. Woman" brachte Idol
auf Touren und variierte den Titel:
"Deutschland Woman". Am Ende ließ er
sich feiern und bearbeitete seinen Oberkörper
mit den Fäusten. King Kong ließ grüßen.
Billy Idols neue CD "Devil's
Playground" ist bei CS Records (Sanctuary)
erschienen
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